E-Mails verfassen, Dokumente zusammenfassen, Schäden klassifizieren: Künstliche Intelligenz durchdringt unseren Arbeitsalltag immer mehr. Verlieren wir dadurch Kompetenz und Entscheidungssicherheit? Neurologe Dr. Orell Mielke war Speaker auf unserer Fachtagung Schaden & Innovation. Er erklärt, welche Befürchtungen begründet sind und gibt konkrete Tipps, wie Fach- und Führungskräfte ihr Denken in der KI-Ära fit halten können.
Dr. Orell Mielke bei seinem Vortrag auf der Fachtagung Schaden & Innovation über Ängste und praktische Tipps beim Umgang mit KI.
KI macht Ergebnisse nicht automatisch besser
Verlieren wir Urteilskraft, wenn wir KI zu oft einsetzen? Wer regelmäßig Google Maps nutzt, bemerkt bald, dass er sich ohne Navigation schlechter zurechtfindet. Und bei KI? Hierzu verweist Mielke auf eine deutsche Studie von 2026, in der Ärzte und Pflegekräfte Wunden mit und ohne KI-Unterstützung beurteilen sollten.
Ohne KI waren 76 Prozent der Einschätzungen korrekt. Gab die KI einen korrekten Vorschlag, stieg die Quote auf 92 Prozent. Lag die KI dagegen falsch, waren nur noch 56 Prozent der Einschätzungen korrekt. Zu Studienzwecken lag die KI in der Hälfte der Fälle absichtlich falsch, im Praxisbetrieb ist die Fehlerquote niedriger. Über alle Fälle betrachtet führte der KI-Einsatz damit nicht zu besseren Ergebnissen.
KI-Empfehlungen haben einen starken Einfluss auf das menschliche Urteil. Für den Arbeitsalltag in der Schadenbearbeitung heißt das: Wenn KI eine Akte zusammenfasst, Auffälligkeiten markiert oder einen nächsten Schritt empfiehlt, dürfen sich Sachbearbeitende nicht blind auf die Korrektheit verlassen. Sie müssen erkennen, wenn wichtige Informationen fehlen oder ein Vorschlag nicht zum konkreten Fall passt.
Dabei sein heißt nicht automatisch mitdenken
Wer Informationen selbst recherchiert, Dokumente liest und Zusammenhänge herstellt, entwickelt dabei schrittweise ein Verständnis des Falls. Übernimmt eine KI einen Teil dieser Arbeit, liegt das Ergebnis schneller vor. Der eigene Denkprozess fällt kürzer aus. Das muss kein Nachteil sein, wenn wir trotzdem mitdenken. Hier zeigt die Forschung, dass gerade gute KI-Systeme tückisch sind.
Denn je besser die Qualität der Systeme, desto eher schalten Menschen ihr kritisches Denken ab und verlassen sich auf die Technologie – obwohl KI immer noch gravierende Fehler unterlaufen können. Die Herausforderung besteht deshalb darin, einzelne Aufgaben bewusst abzugeben, aber nicht die Verantwortung für das Gesamtergebnis.
Entwertet KI langjährige Erfahrung?
KI kann weniger Erfahrenen schneller zu guten Ergebnissen verhelfen, macht tiefe Expertise aber nicht wertlos. Im Gegenteil: Wer KI-Ergebnisse kontrollieren soll, braucht Wissen und Erfahrung, um Fehler überhaupt erkennen zu können. Erfahrene Mitarbeitende können dabei auf über Jahre aufgebautes Fach- und Erfahrungswissen zurückgreifen.
Anders ist die Situation für Berufseinsteiger. Hier stehen Unternehmen vor der Aufgabe, Möglichkeiten zu schaffen, dass sie Erfahrungswissen sammeln können, selbst wenn Prozesse zunehmend automatisiert und KI-gestützt ablaufen.
Letztlich ist dieses Training aber für Mitarbeitende jeder Erfahrungsstufe essenziell. Denn was für einzelne Neuronen im Gehirn gilt, gilt auch für das Denken insgesamt: Use it or lose it. Wenn wir Fähigkeiten nicht praktizieren, lassen sie nach. Und das ist nicht nur für den Einzelnen ein Verlust, sondern ein ganz konkretes Risiko für Unternehmen.
So bleibt das eigene Denken im Training
Wie können Fachkräfte KI also effektiv nutzen, ohne ihre eigenen kognitiven Fähigkeiten zu vernachlässigen? Drei von Mielkes Empfehlungen:
- Erst denken, dann KI fragen.
Bei wichtigen Fragen hilft es, zunächst eine eigene Einschätzung zu formulieren. Erst danach kommt die KI ins Spiel. Behandeln Sie sie als Sparringspartner. Diskutieren Sie mit ihr Ihre Einschätzung: Was habe ich übersehen? Wo könnte ein Denkfehler liegen? So erweitert KI den eigenen Denkprozess, statt ihn zu ersetzen. - Regelmäßig ohne KI üben.
Schaffen Sie bewusst KI-freie Trainingszeiten. Das kann beispielsweise eine Akte pro Woche sein, die zunächst ohne KI-Unterstützung bearbeitet wird. Die eigene Einschätzung wird festgehalten und anschließend mit dem KI-gestützten Ergebnis verglichen. Das hält Fähigkeiten aktiv, die spätestens dann gebraucht werden, wenn die Maschine einmal falschliegt. - Zustimmung bewusst hinterfragen.
Besonders aufmerksam werden wir meist dann, wenn unsere Einschätzung von der Empfehlung einer KI abweicht. Doch auch Zustimmung verdient einen kritischen Blick. Bei Entscheidungen, bei denen Fehler weitreichende Folgen haben können, empfiehlt Mielke deshalb, nicht nur Abweichungen zu begründen. Fachkräfte sollten sich auch fragen: Warum halte ich den Vorschlag der KI für richtig? Welche Informationen stützen ihn?
Die entscheidende Frage ist, was wir auslagern
KI kann Fachkräfte von zeitaufwendigen Routinetätigkeiten entlasten, Komplexität reduzieren und Prozesse beschleunigen. Die Frage ist daher nicht, ob wir kognitive Tätigkeiten an KI auslagern. Die Realität hat sie längst beantwortet. Entscheidend ist, welche Tätigkeiten wir auslagern und wo menschliches Denken unverzichtbar bleibt.
Hier sind Führungskräfte und Teams gefragt. Nicht alles, was automatisiert werden kann, sollte automatisiert werden. Es schafft Sicherheit, wenn Mitarbeitende bestimmte Aufgaben weiter (auch) selbst durchdenken. Und gerade bei komplexen Sachverhalten bleibt die fachliche Einordnung durch Menschen notwendig. Was immer klarer wird: Erfolgreicher KI-Einsatz braucht nicht weniger Denken, sondern einen bewussteren Umgang damit, wann wir selbst denken müssen.