Künstliche Intelligenz, strukturierte Daten und vernetzte Partnerprozesse verändern die Bearbeitung von Gebäudeschäden. Im Themenraum Gebäudeschaden auf der Verisk Fachtagung Schaden & Innovation 2026 ging es deshalb weniger um einzelne Technologien als um eine grundsätzliche Frage: Wie lassen sich Informationen so erfassen, einordnen und teilen, dass aus vielen Beteiligten ein durchgängiger Schadenprozess entsteht?

Die Vorträge machten deutlich: Entscheidend ist weder die Menge der verfügbaren Daten noch der Einsatz eines weiteren Einzelsystems. Der Nutzen entsteht erst, wenn Informationen frühzeitig im richtigen Kontext vorliegen und über Unternehmens- und Systemgrenzen hinweg nutzbar werden. Wir haben die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst.
Ein Foto allein ergibt noch kein Schadenbild – der Wert liegt im Kontext
Gebäudeschäden erzeugen eine Vielzahl unterschiedlicher Informationen: Fotos, Dokumente, Aussagen, Messwerte und Angaben zur Gebäudenutzung. Diese Daten entstehen an verschiedenen Stellen des Prozesses und liegen häufig in voneinander getrennten Systemen vor. Genau darin liegt eine zentrale Herausforderung: Einzelne Informationen können korrekt sein und dennoch kein belastbares Gesamtbild ergeben.
Dominique Thomas Wurzler von aestimo zeigte in seinem Vortrag, wie KI Informationen aus unterschiedlichen Quellen zusammenführen, strukturieren und plausibilisieren kann. Bereits bei der Erstschadenmeldung lassen sich dadurch Widersprüche, fehlende Angaben und offene Fragen erkennen. Die Schadenmeldung wird so von einer reinen Datensammlung zu einer fundierten Grundlage für die weitere Bearbeitung.
Im Kern ging es darum, dass mehr Daten nicht automatisch zu besseren Entscheidungen führen. Ohne fachlichen Kontext kann auch eine große Informationsmenge Unsicherheit erzeugen. KI entfaltet ihren Nutzen deshalb vor allem dann, wenn sie Zusammenhänge sichtbar macht, Informationslücken benennt und den nächsten sinnvollen Bearbeitungsschritt vorbereitet.
Klar ist: Die Qualität der Automatisierung entscheidet sich bereits am Prozesseingang. Wer Schadeninformationen frühzeitig strukturiert, schafft die Voraussetzung für schnellere Entscheidungen, gezieltere Rückfragen und eine bessere Steuerung des gesamten Schadenfalls.
Transparenz entsteht am Ort des Schadens
Axel Weeber von der Sprint Sanierung GmbH richtete den Blick auf eine Gruppe, deren Rolle im Schadenprozess häufig zu eng gefasst wird: Sanierungsdienstleister. Sie gelten vielfach primär als ausführende Partner. Tatsächlich erfassen sie beim ersten Termin vor Ort Informationen, die für die weitere Schadenbewertung entscheidend sein können – etwa zu Ursache, Ausbreitung, Gebäudestruktur, Nutzungssituation oder möglichen Vorschäden.
Der Mehrwert entsteht jedoch erst, wenn diese Erkenntnisse strukturiert dokumentiert und für Versicherer, Sachverständige und weitere Beteiligte zugänglich gemacht werden. Der Sanierungsdienstleister wird damit zu einem wichtigen Kontextlieferanten. Seine Informationen können helfen, Rückfragen zu reduzieren, Entscheidungen nachvollziehbarer zu machen und unnötige Abstimmungsschleifen zu vermeiden.
Das Fazit: Wer Sanierer nur als Ausführende betrachtet, verzichtet auf relevantes Wissen aus dem Schadenobjekt. Unterschiedliche Dokumentationsweisen und fehlende Schnittstellen können dazu führen, dass wertvolle Erkenntnisse im weiteren Prozess kaum nutzbar sind.
Wir nehmen mit: Transparenz entsteht am Ort des Schadens. Versicherer sollten deshalb definieren, welche Informationen ihre Partner vor Ort erfassen, in welcher Struktur sie diese bereitstellen und wie sie in die weitere Bearbeitung einfließen.
Die nächste Innovation ist kein weiteres Einzelsystem
Dr. Jan Wiltschut von Verisk stellte die organisatorische Dimension in den Mittelpunkt. Viele Marktteilnehmer verfügen bereits über spezialisierte Lösungen für Schadenmeldung, Raumaufnahme, Schadenanalyse oder Partnersteuerung. Trotzdem bleiben Medienbrüche, Informationsverluste und manuelle Abstimmungen bestehen.
Die Ursache liegt häufig nicht in fehlender Technologie, sondern in der mangelnden Verbindung zwischen vorhandenen Anwendungen, Unternehmen und Personen. Ein integriertes Schaden-Netzwerk setzt deshalb nicht bei einer weiteren Insellösung an. Es verknüpft Daten, Aufgaben, Statusinformationen und Kommunikation über die Grenzen einzelner Organisationen hinweg. Dadurch entsteht eine gemeinsame Sicht auf den Schadenfall: Versicherer, Sachverständige, Sanierer und Technologiepartner können auf konsistente Informationen zugreifen und ihre jeweiligen Aufgaben besser aufeinander abstimmen.
Zusammenfassend stellen wir fest: Ein leistungsfähiges Einzelsystem verbessert noch keinen End-to-End-Prozess. Solange Informationen an Schnittstellen verloren gehen oder neu erfasst werden müssen, bleiben Automatisierungspotenziale ungenutzt und Bearbeitungszeiten unnötig lang.
Deshalb heißt es nun: Bei Investitionsentscheidungen sollte nicht nur die Funktionalität einzelner Lösungen bewertet werden. Entscheidend ist, wie gut sich Systeme und Partner in einen durchgängigen Schadenprozess integrieren lassen. Dienstleister spielen hierbei eine zentrale Orchestratorrolle und können ihr technisches und fachliches Know-How in die Umsetzung solcher Netzwerke einbringen.
KI wird zum Beschleuniger von Wissen und Qualität
In der abschließenden Diskussion wurde deutlich, dass KI künftig vor allem bei standardisierten Schadenarten und Frequenzschäden eine größere Rolle spielen wird. Sie kann Informationen schneller aufbereiten, Auffälligkeiten erkennen und Fachwissen im Arbeitsprozess verfügbar machen. Neue Mitarbeitende erhalten dadurch strukturierte Unterstützung, während erfahrene Fachkräfte komplexe Fälle effizienter einordnen können.
Gleichzeitig blieb ein Punkt unstrittig: Die fachliche Bewertung lässt sich nicht vollständig an Technologie delegieren. KI kann Entscheidungen vorbereiten und priorisieren. Die Verantwortung für die eigentliche Schadenentscheidung bleibt beim Menschen.
Automatisierung ohne fachliche Kontrolle kann Geschwindigkeit erhöhen, aber nicht automatisch Qualität sichern. Die Branche benötigt deshalb klare Regeln dafür, welche Entscheidungen automatisiert vorbereitet werden, wann Fachkräfte eingreifen und wie Ergebnisse überprüft werden.
Was die Branche jetzt in den Blick nehmen sollten
Die Beiträge aus dem Themenraum Gebäudeschaden zeigen drei konkrete Handlungsfelder:
- Schadeninformationen bereits bei der Erstmeldung strukturiert erfassen und in einen fachlichen Kontext bringen
- Informationen von Sanierungsdienstleistern systematisch als Bestandteil der Schadenbewertung nutzen
- Technologie- und Partnerlösungen nach ihrer Integrationsfähigkeit in den Gesamtprozess bewerten
- KI einsetzen wo möglich, Expertise einsetzen wo nötig
Die Zukunft des Gebäudeschadenmanagements liegt in einem vernetzten Schadenökosystem. Dessen Qualität entscheidet sich daran, wie zuverlässig Informationen zwischen den Beteiligten fließen, wie klar Verantwortlichkeiten definiert sind und wie sinnvoll KI die fachliche Arbeit unterstützt.
Prozesse und Technologien sollten nicht isoliert optimiert werden. Erst eine gemeinsame Datengrundlage und die abgestimmte Zusammenarbeit aller Beteiligten machen Gebäudeschäden transparenter, steuerbarer und effizienter.