29. September 2027
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Mehr als 130 Teilnehmende, 15 Vorträge und ein dominierendes Thema: Künstliche Intelligenz. Die Fachtagung Schaden & Innovation 2026 war ein kritischer, lebendiger Diskurs mit einer klaren Botschaft: Menschliche Expertise im Schadenmanagement wird auch in Zukunft gebraucht. Für alle, die es dieses Jahr nicht nach Köln geschafft haben, werfen wir einen Blick zurück und fassen – ganz subjektiv – die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.
Mehr als 130 Branchenexpertinnen und -experten trafen sich auf der Verisk Fachtagung Schaden & Innovation am 15. September 2026 in Köln
Direkt zu Beginn teilte Steven Kauderer, President, Verisk Claims Solutions, seine Beobachtungen zum Status quo der KI-Transformation in der Versicherungswirtschaft. „In den letzten 12 Monaten hat sich das Tempo der KI-Adoption stark beschleunigt. Bisher ging es dabei meist darum, effizienter, schneller zu werden.“ Jetzt beginne eine neue Phase: Mit zunehmender Zuverlässigkeit rücke die Effektivität, der Wertschöpfungsbeitrag in den Fokus.
Kauderer: „Wir blicken optimistisch auf die Zukunft mit KI. Wir werden eine Versicherungswirtschaft erleben, die effizienter arbeitet und in der Schäden schneller und fairer reguliert werden. KI schafft eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.“
Verlieren Mitarbeitende in Versicherungsunternehmen durch den KI-Einsatz einst sichere Kompetenzen? Neurowissenschaftler Dr. Orell Mielke gab anhand vieler Studien einen Überblick zum aktuellen Forschungsstand. Quintessenz: Wenn wir aufhören, mitzudenken und die Kontrolle an KI abgeben, können tatsächlich fatale Fehler passieren und sich die Qualität von Ergebnissen verschlechtern.
Mielkes Appell daher: Die eigene Entscheidungsfähigkeit bewusst trainieren – zum Beispiel, indem man eine Stunde pro Woche eine Akte ohne KI durchdenkt und Entscheidungen selbst begründet. Die Forschung zeigt zudem, dass KI zwar einfache Arbeiten gut übernehmen kann, aber tiefe Expertise nicht ersetzt: „KI hebt den Boden. Nicht die Decke.“
Neurologe Dr. Orell Mielke spricht über Ängste und praktische Tipps beim Umgang mit KI
Björn Koch von BearingPoint gab Einblicke in die KI-Transformation aus seinem Berateralltag. Seiner Erfahrung nach fehlt Versicherern häufig eine zentrale Voraussetzung, um schnellen Nutzen aus KI zu ziehen: Transparenz über ihre Geschäftsprozesse. Der potenzielle Mehrwert von KI sei im Bereich Claims besonders groß: „Wiederkehrende Prozesse binden rund 52 % der operativen Kapazität, die Schadenbearbeitung ist mit 41 % der größte Einzelhebel.“
Zwar setzten Unternehmen einzelne Use Cases um, schöpften das Potenzial aber oft nicht aus. „Der echte Wert liegt in der End-to-End-Transformation ganzer Bereiche.“ Dafür brauche es ein klares Operating Model: Wann arbeitet KI, wann der Mensch und wann beide gemeinsam? Auch Koch betonte, dass die Entscheidungshoheit insbesondere bei komplexen Sachverhalten weiterhin beim Menschen liegen müsse: „Wir sprechen gerne vom Human in the Lead.“
Dass Versicherungsabteilungen immer vernetzter arbeiten und sich gegenseitig befruchten können, zeigte der Vortrag von Anna Dietzel, Manager Client Relations, Verisk Catastrophe and Risk Solutions. Mithilfe von Verisks Modellen können Versicherer Risiken aus Naturgefahren in über 120 Ländern weltweit einschätzen und die Erkenntnisse beispielsweise für ihre Portfolio-Gestaltung, ihre Risikoselektion, aber auch ihr Schadenmanagement nutzen.
Ein wichtiger Einsatzbereich: die Quantifizierung von Gebäudeschäden. Bei drohenden oder bereits eingetretenen Katastrophen können Versicherer bis auf Postleitzahl- und sogar Liegenschaftsebene prüfen, wie viele Versicherte betroffen sein könnten und welche Schadenhöhe zu erwarten ist. Nach der Übernahme von McKenzie Intelligence Services (MIS) werden Auswertungen in Zukunft durch satellitengestützte, nahezu in Echtzeit verfügbare Analysen von MIS optimiert.
Vier Perspektiven auf die Zukunft des Schadenmanagements: Steven Kauderer, Anna Dietzel, Björn Koch und Dirk Lescher teilten ihre Einschätzungen zu KI, Katastrophenmodellierung und Kundenvertrauen.
Vertrauen in Versicherer wird in Zeiten von KI immer wichtiger für die Anbieterwahl. Dirk Lescher, Hauptabteilungsleiter bei der Debeka, stellte vor, wie der Versicherer durch frühe Präsenz und proaktive Kommunikation in Schadenlagen Vertrauen bei Kunden und Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit gewinnt.
„Wir sind da, bevor der Kunde uns sucht“, ist der Anspruch. Vor Naturereignissen erhalten potenziell Betroffene adressgenaue Unwetterwarnungen und nach dem Ereignis Care-Nachrichten mit Informationen, wie sie Schäden einfach online melden können. Regionale Mitarbeitende werden früh eingebunden. Kumulleitfäden sorgen zudem dafür, dass vor Ort einheitlich gehandelt wird. „Wir haben unglaublich positives Feedback von Kunden bekommen.“
In drei Themenräumen konnten Teilnehmende sich vertieft zu aktuellen Fragestellungen ihres Schadenbereichs informieren.
Über die Kfz-Schadenregulierung erfuhren sie, wie die EDR-Auslese datenschutzrechtlich zu bewerten ist, warum Quarantäneanordnungen bei HV-Batterieschäden oft unnötig sind und wie KI die Schadeneinschätzung und Steuerung optimiert.
Im Raum zu Gebäudeschäden wurden KI und Zusammenarbeit im Schadenprozess aus Sicht von Sanierer, Sachverständigenorganisation und Versicherer diskutiert. Wichtig ist, dass Daten früh verfügbar, intelligent verknüpft und zwischen den Beteiligten effizient geteilt werden.
Auch im Personenschadenbereich stand KI im Zentrum. Bei der Auswertung großer Mengen medizinischer Informationen sei sie vor allem dann hilfreich, wenn Bearbeitende mit einer klaren Fragestellung an den Schaden herangehen. Empathie und Kundenkontakt bleiben Kernkompetenzen in Schadenabteilungen.
Fazit des Tages: Mehr KI bedeutet nicht weniger Mensch
Ein Thema, das den gesamten Tag prägte, war die Frage, wie Mensch und KI in Zukunft am besten zusammenarbeiten. Eine besondere Herausforderung sahen die Referierenden und Teilnehmenden für jüngere Mitarbeitende. KI kann ihnen schnelle Orientierung in komplexen Schadenfällen geben. Das Erfahrungswissen, das sie benötigen, um Ergebnisse kritisch einzuordnen und souverän zu entscheiden, müssen sie aber selbst aufbauen.
Einige Fragen werden wir auch im Nachgang weiter diskutieren: Wie lässt sich Vertrauen in KI schaffen, wie Datenschutz gewährleisten und wie Manipulation und Betrug verhindern?
Der Tenor der Abschlussrunde: Mehr KI bedeutet nicht weniger Mensch. KI kann Informationen strukturieren, Zusammenhänge aufzeigen und Entscheidungen vorbereiten. Für die finale Bewertung komplexer Sachverhalte braucht es aber weiter menschliche Expertise. Richtig eingesetzt, entlastet KI Mitarbeitende, die dadurch mehr Raum gewinnen für das, was sie als Menschen besonders gut können: einordnen, entscheiden und Kunden empathisch beraten und begleiten.
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